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Interview mit dem Dalai Lama.
Die Medien brauchen "lange Nasen"
Wenn es ein Problem, eine Krise gibt, dann müssen die Medien darlegen, dass es auch Alternativen gibt, sagt der Dalai Lama. Die Medien müssen den Menschen die Zuversicht vermitteln, dass sie sich verändern können, dass sie es besser machen können.
WAN: Welche Rolle haben die internationalen Medien dabei gespielt, das Bewusstsein für die aktuelle Lage in Tibet zu schärfen?
Dalai Lama: Sie haben eine sehr wichtige Rolle gespielt. Zunächst einmal ist das Tibet-Problem eine Frage des moralischen Empfindens. Zum zweiten war Tibet früher ein vollkommen isoliertes Land, über das man in der übrigen Welt sehr wenig wusste. Vielleicht wusste man, dass es sehr hoch liegt. Vielleicht hat man es auch für ein nicht besonders modernes Land gehalten. Drittens waren die von chinesischer Seite über Tibet verbreiteten Informationen nicht objektiv, da sie politisch motiviert waren. Deshalb sind die vorhandenen unverfälschten Informationen über Tibet sehr, sehr hilfreich.
WAN: Glauben Sie, dass es genügend unverfälschte Informationen über Tibet gibt?
Dalai Lama: Ich glaube, dass es von Jahr zu Jahr mehr Informationen werden. Inzwischen hat alle Welt etwas über Tibet gehört. Es besteht heute ein gesteigertes Interesse an Frieden, Umweltschutz, Kultur und Spiritualität. Deswegen nimmt das Interesse an Tibet zu. Unsere Kultur und unsere Spiritualität sind in der Welt von heute wichtig.
WAN: Wie sehen Sie die Rolle der Medien bei der Förderung von Frieden und Aussöhnung heute?
Dalai Lama: Sie spielen eine sehr wichtige Rolle. Die Welt wächst zusammen. Was in einem Teil der Welt passiert, wirkt sich auf die Welt als Ganzes aus. Das gilt insbesondere für Bereiche wie Wirtschaft, Umwelt und Gesundheit sowie für Phänomene wie SARS oder AIDS. Der Ort, an dem sich etwas ereignet, mag abgelegen sein, aber die Gefahr pflanzt sich in jeden Winkel fort. Das ist heute nun einmal so. Deshalb muss man überall darauf achten, was überall passiert. Die Welt wird viel kleiner, und unser Wissen übereinander und unser Bewusstsein füreinander ist von sehr großer Bedeutung.
Auch die Idee der Menschenrechte wird global. Und das Recht auf Erhalt der eigenen Kultur, was vor allem Einheimische betrifft. Dann gibt es noch das Recht auf Selbstbestimmung, das sich ebenfalls zu einer weltweit anerkannten Wertvorstellung entwickelt. Auch unter diesen Umständen, so glaube ich, kommt den Medien eine wichtige Rolle zu.
Wenn wir uns das demokratische System ansehen, so fällt auf, dass es trotz einiger Rückschläge das beste ist. Es ist äußerst wichtig, dass die Wahrheit gesagt und das Bewusstsein geschärft wird. Bei der Förderung von Freiheit und Demokratie ist die Presse sehr wichtig.
Allerdings gibt es etwas, was ich in Gesprächen mit Medienvertretern immer wieder sage. Die Medien zeigen meistens viel Interesse am Negativen, an Katastrophen oder Tragödien. Nachrichten dieser Art wird viel Aufmerksamkeit gewidmet, wohingegen das Interesse an der Tugend des menschlichen Mitgefühls geringer ist. Wenn sich etwa in Neu-Delhi, New York, Paris oder Moskau eine Katastrophe ereignet, so wird sie sofort als etwas Wichtiges betrachtet. Auf der anderen Seite kümmern sich Verbände oder Verwandte tagtäglich um Tausende und Abertausende kleine Kinder, kümmern sich Institutionen und Einzelne um Alte und Kranke. In ländlichen Gebieten ist der Sinn für Mitgefühl sehr stark ausgeprägt. Da wir das alles aber als selbstverständlich betrachten, ist es für die Medien nicht wichtig.
Wer regelmäßig Zeitung liest oder fernsieht, gewinnt den Eindruck, der Mensch sei schlecht. Ich glaube, viele leben mit dem Eindruck, dass die Welt schlechter wird. Ich kann mich dem nicht anschließen. Ich habe das Gefühl, dass die Welt im vergangenen Jahrhundert wesentlich besser geworden ist. Die Menschheit ist reifer, erfahrener geworden. Aber wegen der Berichterstattung bekommen viele einen anderen Eindruck.
WAN: Ist die Welt nicht zum Teil auch dank der Arbeit der Medien besser geworden, eben weil die Medien die Leser und Zuschauer "erschreckt" haben?
Dalai Lama: Es stimmt, wir müssen schon zeigen, dass viel Bedauernswertes passiert. Meiner Meinung nach ist es durchaus richtig, über alles Negative zu berichten. Aber ich glaube auch, dass die Medienvertreter, so wie Elefanten, eine „lange Nase“ haben sollten. Sie sollten nach vorn blicken, zur Seite, aber auch nach hinten. Sie sollten überall hinsehen und frei von politischen Interessen wahrheitsgemäß und ehrlich berichten. Das bedeutet, dass es einer kritischen Darstellung unbedingt bedarf. Es ist in hohem Maße wichtig, ausgewogen zu schreiben und auch das Positive aufzuzeigen. Es gibt auf der Welt ein Grundmaß an Menschlichkeit, Sanftheit und menschlichem Mitgefühl. Wenn es ein Problem, eine Krise gibt, dann müssen die Medien darlegen, dass es auch Alternativen, Methoden, Möglichkeiten gibt. Man muss den Menschen die Zuversicht vermitteln, dass sie sich verändern können, dass sie es besser machen können.
Dieses Exklusivinterview gab der Dalai Lama dem Weltverband der Zeitungen anlässlich des Internationalen Tags der Pressefreiheit am 3. Mai.
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