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HANS KAMMERLANDER

Er ist einer der ganz großen. Die sechzehnhundert Höhenmeter auf seinen Hausberg, den Moosstock bei Ahornach in Südtirol, eilt er in einer guten Stunde hinauf. Dreizehn Achttausender des Himalaja hat er bereits bestiegen. Nur wenigen ist das vor ihm gelungen. Trotz seiner Erfolge ist er ein bodenständiger Mensch.

Hans Kammerlander ist in Ahornach, Südtirol, auf einem Bergbauernhof aufgewachsen. Im Alter von acht Jahren hat er einen ersten direkten Kontakt zu den Bergen. Er folgt zwei deutschen Alpinisten heimlich auf den Hausberg Moosstock. Wenig später stirbt seine Mutter. Im Laufe der folgenden Jahre lernt er das Tauferertal auf zahlreichen gefährlichen Klettertouren kennen, er weiß noch nichts über Sicherheit am Berg. Die Dolomiten sind das nächstes Ziel in seiner Entwicklung. Er klettert durch die Civetta Nordwand, auf die drei Zinnen und durch weitere Nordwände in den Westalpen.

Die Gefahren der Bergsteigerei begleiten ihn stets während seiner fortlaufenden Entwicklung. 1976 besteigt er zum ersten Mal das Matterhorn über die Nordwand. Das leichtsinnige Warten auf einen malerischen Sonnenuntergang auf dem Gipfel zieht einen gefährlichen Abstieg während der Nacht nach sich. In der Wand des Walker Pfeilers tritt er beim Aufstieg mit den Steigeisen beinahe auf einen biwakierenden Japaner, der schon 2 Tage in der Wand ist. Am Tag vor der ersten Tour durch die Eiger Nordwand 1981 muß Hans Kammerlander eine Rettungsaktion mit dem Hubschrauber miterleben.

Klettertechnisch ist die Eiger Nordwand der Höhepunkt und somit das Ende der Herausforderungen der Alpen. Bleiben nur noch die großen Gipfel der weiten Welt. Zuerst sammelt er jedoch weitere Erfahrungen in den Dolomiten.

1983 folgt Hans Kammerlander der Einladung Reinhold Messners zu einer Expedition zum Cho Oyu, einem Achttausender im Himalaja. Er knüpft erste Kontakte mit den faszinierenden Menschen Nepals, vor allem die Sherpas begeistern ihn. Ihre Lebensfreude und Freundlichkeit verschafft zusätzliche Energie.

Diesen Menschen möchte Kammerlander danken. Er wirkt bei der Gründung einer Schule und eines kleinen Waisenhauses in Katmandu mit. Spenden der Einnahmen aus Vorträgen und seiner Alpinschule und der Erlöse eines Kalenders über Nepal sorgen für den weiteren Unterhalt.

Gemeinsam mit Messner besteigt er 7 Achttausender. Ständig kreisen seine Gedanken um den Everest, doch Messner hat andere Ziele. Nach Messners Rückzug vom Höhenbergsteigen ist der Everest Kammerlanders erstes Ziel. Zweimal scheitert die Besteigung über die Nordwand wegen Neuschnees. Der dritte Anlauf 1996 wird schließlich mit Erfolg belohnt. Als Vorbereitung und zur Akklimatisierung diente der Shisha Pangma, ebenfalls ein Achttausender. Schnelligkeit ist eines der Elemente, die zum Erfolg beitragen. Im Alleingang kann er die Methode des schnellen Auf- und Abstieges bestmöglich ausreizen. Um 5 Uhr Nachmittags bricht er vom Lager auf. Bis auf 7000 m begleitet ihn sein Kameramann. Er klettert die ganze Nacht hindurch und steht am nächsten Vormittag nach 17 Stunden Aufstieg um 10 Uhr auf dem Gipfel. Überwältigende Glücksgefühle machen sich auf dem höchsten Punkt der Erde, umgeben von vielen Bergen die er bereits bestiegen hat, breit. Doch er ist noch nicht am Ende. Als erster Mensch möchte er mit Skiern vom Gipfel des Mount Everest abfahren. Müdigkeit und Erschöpfung bauen eine enorme Hemmschwelle auf, welche das Erlebnis der Abfahrt noch zusätzlich intensiviert. Der höhere Sauerstoffgehalt der Luft weiter unten motiviert zusätzlich. Einige Stunden später erreicht Hans Kammerlander die Sherpas im Basislager. Nach diesem 24 Stunden Tag übermannt ihn die Müdigkeit. Was eigentlich einen Selbstverständlichkeit sein sollte wird bei dieser Expedition ebenfalls zum ersten Mal erfolgreich durchgeführt: Auf dem Berg wird kein Müll zurückgelassen.

Sauerstoff ist das größte Problem des Everest. Unter Zuhilfenahme von Sauerstoff werden die Schwierigkeiten der "dünnen Luft" vermindert, ein Achttausender sozusagen zu einem 7000er degradiert. Viele Unternehmen schlagen aus diese Tatsache Gewinn, in dem sie Bergsteiger, die aufgrund ihrer körperlichen Voraussetzungen nicht gänzlich für den Everest gewappnet sind, mit einem Gipfelerfolg unter Zuhilfenahme von Sauerstoff locken. Im Frühjahr belagern schon einmal 300 Zelt den Berg. Im Basislager herrscht ein reges Treiben. Während sich die Expeditionsteilnehmer auf diesem bunten Markt vergnügen, müssen Sherpas die gefährlichen Abschnitte mit Fixseilen und Leitern präparieren. Der Everest verkommt zu einem Klettersteig. Die Träger und Sherpas haben ihre Dienste zu erledigen. Rücksicht auf die einzelnen Menschen wird dabei nicht genommen. Auch die Natur hat unter dieser Belagerung zu leiden. Bei Lager 4 befindet sich die höchstgelegene Müllkippe, weil niemand einsehen möchte, aufgebrauchte Sauerstoffflaschen und anderen Müll mühsam wieder vom Berg zu schleppen. Auch im Basislager herrschen keine wirklich hygienischen Verhältnisse.

Der Kangenchönga ist mit dem K2 der am wenigsten bestiegene Achttausender. Der Aufstieg zieht sich lange an Seracs und Gletscherspalten vorbei und ist somit äußerst gefährlich. Entsprechend der geringen Frequentierung des Berges ist auch die touristische Infrastruktur auf dem Weg dorthin deutlich spärlicher als an beliebteren Bergen. Man passiert nur wenige Teehäuser beim Anmarsch. Deashalb ist man auf sich gestellt, um für die für den Körper in der Höhe wichtige Versorgung mit Flüssigkeit zu sorgen. Während Kammerlanders Expedition bricht am vierten Tage eine Schlechtwetterperiode herein, die 10 Tage andauert. Am 14.5.1998 beginnt der Aufstieg über die Südwand zum Biwak auf 6000m. Am folgenden Tag wird das Biwak auf 7000m erreicht. An Schlaf ist in der letzten Nacht nicht zu denken. Um Mitternacht beginnt schließlich der erste Gipfelversuch. Gegen ein Uhr bleibt die Expedition stecken und zieht sich zum Biwak zurück. Im Morgengrauen folgt dann der nächste Anlauf. Nach 7 Stunden steht Hans Kammerlander zum 12. Mal auf dem Gipfel eines Achttausenders. Wie beim Everest auch versucht er als Erster, auf Skiern vom Gipfel abzufahren. Über stellenweise 50-60° steile Hänge erreicht er nach 6 Stunden endlich das Basislager. Er klagt über Schmerzen am linken Fuß und muß feststellen, daß er Erfrierungen an den Zehen erlitten hat. Umgehend begibt er sich in Krankenhäuser zuerst in Katmandu und anschließend zu Hause in Südtirol. Er befindet sich an einem Punkt, an dem für ihn eine Welt zusammen zu brechen droht. Hans Kammerlander klettert leidenschaftlich gern. Die Gefahr, mit amputierten Zehen nie wieder zu den geliebten Dolomitenwände zurück kehren zu können zermürbt seine Gedanken. Er hat jedoch Glück. Nach einiger Zeit erholen sich die betroffenen Gliedmaßen wieder. Eine Amputation ist nicht mehr nötig. Sein Bewusstsein über mögliche Gefahren wurde wieder einmal erweitert. Die eigentliche Schwierigkeit beim Höhenbersteigen, nach den kalten Nächten im Biwak festzustellen, ob die Füße in den Schuhen warm oder gefühllos werden, bleibt jedoch bestehen.

Auf die Idee zu einer Expedition folgt zunächst die Informationsbeschaffung. Erfahrungen vorangegangener Unternehmungen am Berg werden eingeholt. Der eigentlichen Expedition geht dann der holprige Weg der Bürokratie voraus. Genehmigungen müssen eingeholt werden, Sponsoren gefunden werden. Bereits vor dem Beginn erfordert eine solche Expedition einen enormen finanziellen Einsatz. Allein die Gebühren für eine Besteigung des Everest belaufen sich auf 120 000 DM. Bei all der Vorarbeit kommt oftmals das Training und der Test der Ausrüstung zu kurz.

Kammerlander erhält die nötige Akklimatisierung für eine Expedition immer an einem kleineren Berg. Für die Expeditionen zum K2 sind zunächst der Nanga Parbat und später der Ogre vorgesehen. Ausgangspunkt ist Islamabad in Pakistan. Dort werden letzte bürokratische Hürden genommen, die Ausrüstung komplettiert und Proviant eingekauft. Einer abenteuerlichen dreistündigen Fahrt auf dem Karakorum Highway folgt eine noch abenteuerlichere Fahrt in einem Jeep zum letzten Dorf am Fuße von Broad Peak und K2, Askole. Der Aufstieg soll über die 4000m hohe Westwand erfolgen. Die Tour ist ideal auf Kammerlanders Vorlieben abgestimmt. Dem Klettern in kombinierten Gelände folgt eine Abfahrt auf Skiern vom Gipfel.

In Askole treffen die Expeditionsteilnehmer zum ersten Mal die Träger. Deren Leistungsfähigkeit ist unbeschreiblich. Jeder von ihnen trägt Lasten von 25kg zusätzlich zum Gewicht der persönlichen Ausrüstung. Von einer solchen Kondition können Bergsteiger nur träumen.

Eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen einer Expedition ist, daß sie langsam beginnt, auf keinen Fall überhetzt. So wird bereits nach 3 Tagen unterhalb eines 60km langen Gletschers, der bis zum Basislager reicht, ein Ruhetag zur Akklimatisierung eingelegt.

Die Teilnehmer einer Expedition stellen die Lebensmittel für die Träger. Ein Lebensmitteldepot wird eingerichtet. Der Duft frisch gebackenen Brotes verbreitet sich im Lager. Ziegen, die bis hier herauf mitgeführt wurden, werden nun geschlachtet und deren Fleisch gerecht unter den Trägern verteilt. Eine Mischung aus Fröhlichkeit und Nachdenklichkeit kehrt in das Lager ein.

Mit Blick auf die Trango Towers, den Mustang Tower und die Gasherbrums eins und zwei verläuft die Tour weiter. Erinnerungen an die Überschreitung der beiden Achttausender Gasherbrum Eins und Gasherbrum Zwei gemeinsam mit Reinhold Messner werden wach.

Nach dieser ersten und bisher einzigen Überschreitung zweier Achttausender sind solche die aktuellen Herausforderungen für Extrembergsteiger. So existieren bereits Pläne für eine Überschreitung von Everest, Lhotse und Nuptse. In den Anden sind solche Vorhaben um den Cerro Torre möglich.

Den Broad Peak besteigt Hans Kammerlander zusammen mit Hans Mutschlechner. Hans ist der Bruder von Friedl Mutschlechner, Kammerlanders bestem Freund. Zusammen mit Friedl Mutschlechner und Carlo Großrubatscher versucht Kammerlander 1991 den Manaslu zu besteigen. der Gipfelversuch scheitert an einem Höhensturm. Carlo Großrubatscher verunglückt bei einem Absturz tödlich. Friedl Mutschlechner wird am 10.5.1991 in einem Höhengewitter wenige Meter von Kammerlander entfernt vom Blitz erschlagen. Daß der Tag an dem man zu dritt aufbricht, alleine zurückkehren muß und seinen besten Freund verliert der schrecklichste im Leben Kammerlanders ist, muß nicht erwähnt werden. Kammerlanders persönliche Größe zeigt sich in seinem Umgang mit diesem Ereignis. Obwohl der Manaslu einer der einfacheren Achttausender ist, möchte er aus Respekt vor seinen Freunden nicht zu ihm zurückkehren. Damit beweist er, daß Freundschaft für ihn einen höheren Stellenwert besitzt, als Erfolg. Der Manaslu ist inzwischen der letzte Achttausender, den Kammerlander noch nicht bestiegen hat. Somit wird er nicht wie Messner alle 14 Achttausender besteigen. "14", so sagt er "ist nur eine Zahl". Für seine weitere Laufbahn zieht er andere Berge vor.

Beim Aufstieg zum Broad Peak passiert Kammerlander ein Mißgeschick. Der Proviant für den Gipfeltag und der Kocher gehen verloren. Auch das Zelt am angestrebten Biwakplatz ist vom Wind weggeweht. Sie finden jedoch ein Depot einer österreichischen Expedition. Beim Aufbau des Zeltes rutschen einige Zeltstangen den Berg hinunter. Schlechtes Gewissen macht sich breit. Doch wieder einmal haben sie Glück. Die Zeltstangen bleiben nur wenige Meter weiter unten im Schnee stecken und können geborgen werden. Im Depot befindet sich kein Proviant und auch kein Kochgeschirr. Somit scheint ein Gipfelversuch am nächsten Tag trotz besten Wetterverhältnissen aussichtslos. Nachts muß Kammerlander das Zelt verlassen, um auszutreten. Dabei findet er die Markierungsstangen eines Depots einer koreanischen Expedition aus dem vorigen Jahr. Er gräbt das Depot aus dem Schnee und findet Proviant und einen Kocher. "Das depperde Gesicht vom Kollegen hätten Sie sehen sollen, als ich mit einem Sack Lebensmitteln vom Schiffen zurück ins Zelt gekommen bin!" Die Lebensmittel sind im Schnee gut konserviert. Am nächsten Tag besteigen beide bei schönstem Wetter den Gipfel des Broad Peak.

Die im Anschluß darauf geplante Besteigung des K2 scheitert jedoch an der Bürokratie. Eine Gipfelgenehmigung ist aus unerfindlichen Gründen nicht zu bekommen.

Zur Vorbereitung auf den K2 dient bei der Expedition 1999 das Matterhorn. In ihrer Form ähneln sich beide Berge sehr, nur passt das Matterhorn dreizehn Mal in den K2. Zusammen mit Diego Wellig besteigt Kammerlander das Matterhorn vier mal innerhalb von 24 Stunden auf vier verschiedenen Routen. Der Erfolg schafft Selbstvertrauen. Doch die Situation am K2 ist extremer. Während das Wetter mittags im Basislager stets angenehm ist, hängt am Gipfel bereits eine bedrohliche Schneefahne. Die Besteigung beginnt am Nachmittag. Nach vier Stunden schlägt das Wetter um. Minus 40 Grad und ein Schneetreiben halten die Bergsteiger im Biwak auf 6000m fest. Ein Teilnehmer einer anderen Expedition verunglückt tödlich. Kammerlander und Konrad Auer helfen bei der Bergung. Ein erneuter Gipfelversuch zwei Tage später scheitert 160m unterhalb des Gipfels wegen Schneemassen. Die Expedition 2000 endet bereits auf 8000m.

Am 22.7.2001 steht Hans Kammerlander zusammen mit Jean-Christophe Lafaille schließlich auf dem Gipfel des schwierigsten Achttausenders und zweit höchsten Berges der Erde. Auf dem Gipfel stellt sich ein Gefühl des Beginns ein, dem Beginn einer abenteuerlichen Abfahrt. Als erster Mensch fährt Hans Kammerlander wie schon beim Everest mit Skiern vom Gipfel des K2 ab. Mit dem K2 hat er das größte Ziel seiner Höhenbergsteigerkarriere erreicht.

Hans Kammerlander war der Erste, der mit Skiern von den Gipfeln des Mount Everest und des K2 abfuhr. Zusammen mit Reinhold Messner gelang ihm die erste Achttausenderüberschreitung. Innerhalb von 24 Stunden stand er viermal auf dem Matterhorn, jedes mal über eine andere Route. Ein Verrückter mag sich manch einer denken. Nein, nur ein Mensch auf der Suche nach einer Herausforderung. Einer Herausforderung in einer Welt, in der scheinbar alle Herausforderungen bereits angenommen wurden.

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Hans Kammerlander hält zahlreiche Vorträge und hat zwei Bücher veröffentlicht. Im Piper Verlag sind Abstieg zum Erfolg und Bergsüchtig als Taschenbuch erhältlich. Bergsüchtig wird auch als gebundene Ausgabe beim Piper Verlag angeboten.

Im Internet findet man Informationen auf Kammerlanders Website unter kammerlander.com